Hessische Landtagswahlen: Was ein Dorf über die Chancen der Grünen verrät

 „Was ein Dorf über die Chancen der Grünen verrät“
FAZ.NET vom 25.10.2018 von Sarah Obertreis
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Das kleine Dorf Brombachtal im Odenwald ist besonders: Es hat 2013 so gewählt wie ganz Hessen. Gibt der Ort auch dieses Mal Hinweise auf die Wahlergebnisse des ganzen Bundeslandes?

Christina Meyer, eigentlich aus Kiel, aber seit gut zwanzig Jahren Hausfrau in einem Dorf im Odenwald, muss über ihr eigenes Klischee lachen. Sie sitzt an ihrem 50. Geburtstag im Gasthaus Zum Löwen außerhalb der Öffnungszeiten, denn mit dem Wirt ist sie bekannt, und erzählt gerade, dass ihre Hühner vom Fuchs geholt wurden.

Foto: A. Hawelky

Meyer ist heute einer Dorftradition entwischt. Eigentlich, so erzählt einer der beiden Pfarrer von Brombachtal, stehen an einem Geburtstag schon einmal 40 Leute vor der Tür und erwarten Häppchen und Sekt. Manch ein Geburtstagskind soll das schon so gestresst haben, dass es an jenem Tag frühmorgens Richtung Nachbardorf aufbrach und erst am späten Abend wieder heimkehrte. Die Besucher fanden statt Sekt einen Zettel an der Haustür vor. Pfarrer Christian Hamilton hat bei Meyer schon geklingelt, aber sie sitzt ja im Gasthaus.

Brombachtal liegt mitten im Odenwald und zählt 3513 Einwohner. Wenn die Gemeinde angeben will, rechnet sie die 381 Personen mit Nebenwohnungen noch dazu. In Brombachtal klingelt der Nachbar an der Tür, wenn die Rollläden morgens nicht hochgezogen oder abends zu lange oben sind, und fragt, ob alles in Ordnung ist. „Soziale Kontrolle“, sagt Pfarrer Thomas Lotz dazu – und meint das positiv und negativ zugleich.

Der Durchschnitt Hessens

Es passiert nicht viel in der Gemeinde, und wenn, dann landet es sofort in den Schlagzeilen der örtlichen Presse oder in den Geschichten der Kerbmudder, die sie einmal im Jahr vorträgt. 2016 gab es einige Einbrüche, aber das hat schnell wieder aufgehört, weil man die Ganoven fasste. Vor einem Monat wurde die erste „XXL“-Sitzbank der Region aufgestellt. Sie steht oberhalb von Brombachtal auf freiem Feld, direkt neben einer Kuhweide und sieht aus wie eine normale Bank, eben nur größer. Die örtliche Zeitung brachte mehrere Berichte, es gab eine Einweihungsfeier, und Meyer scheint die einzige im Dorf zu sein, die noch nicht zur Bank gepilgert ist. Aus zeitlichen Gründen, versichert sie, aber es stehe auf ihrer Agenda.

Obwohl es in Brombachtal so ruhig zugeht, ist es ein interessanter Ort. Denn bei der Landtagswahl 2013 haben die „Bromischer“ so ähnlich gewählt wie die Hessen insgesamt: Die CDU wurde mit knapp 37 Prozent stärkste Kraft, die SPD folgte mit etwa 31 Prozent. Dann kamen die Grünen (10,4 Prozent), die FDP (4,4 Prozent), Die Linke (6,3 Prozent) und die AfD (5,3 Prozent). Das Gesamtergebnis der hessischen Landtagswahl unterschied sich nur um wenige Prozentpunkte. Wird die kleine Odenwaldgemeinde auch bei der bevorstehenden Landtagswahl ganz Hessen abbilden?

Besuch beim Bürgermeister im brandneuen Rathaus, flach gebaut im amerikanischen Stil. Als das Geräusch der zufallenden Autotür verhallt ist, kräht ein Hahn. Der Fuchs, der Meyers Hühner geholt hat, ist wohl nicht bis zum Rathaus gekommen.

„Keine Staatsoper, aber sehr gute Luft“

Willi Kredel ist SPD-Mann. „Weil das schon immer so war“, sagt der Bürgermeister. Er sitzt fest im Sattel, seit er die Stichwahl 2004 gegen seine Schwägerin Sonja Kredel gewonnen hat. Das Verhältnis zwischen den beiden ist belastet. Vor Willi Kredel war Bernd Kredel Chef im Rathaus. Die beiden sind nicht verwandt, aber 2001 hat Willi Kredels Bruder Werner in einer Wahl schon mal versucht, den alten Kredel zu entmachten. Das hat aber nicht geklappt. Die Stimmung im Gemeinderat sei dennoch sehr harmonisch, sagt der aktuelle Bürgermeister. Die meisten Entscheidungen fielen einstimmig. AfD und Linke sind nicht vertreten, die FDP besteht aus einem Mann.

Kredel glaubt, dass die große Koalition in Berlin Schuld am Dilemma der SPD hat, die auch in Hessen stark zu verlieren droht. Außerdem müssten in der Partei endlich jüngere Leute zum Zug kommen. Wie bei den Grünen? „Genau, wie bei den Grünen“, antwortet der 64 Jahre alte Bürgermeister. Er glaubt trotzdem nicht, dass die Grünen im Dorf übermäßig viel gewählt werden. Und die AfD sowieso nicht. Vielleicht würden sich ihr ein paar Protestwähler zuwenden. Aber Kredel kann sich kaum vorstellen, welche Probleme diese Wähler haben könnten.

Er findet sein Dorf toll. „Wir haben keine Staatsoper, aber eine sehr gute Luft“, sagt er. Die Internetverbindung sei schnell und zuverlässig. Noch toller als Luft und Internet findet Willi Kredel, was in den vergangenen Jahren unter seiner Ägide alles gebaut wurde in einer Gemeinde rund eine Stunde entfernt von allem, was man Stadt nennen kann. Die Einnahmen der Gemeinde seien bescheiden, sagt der Bürgermeister, aber mit guter Planung hätten sie nicht nur für das Rathaus, sondern auch für zwei neue Kindergärten und eine neue Feuerwehrwache gereicht.

Keine Brennpunkte in Brombachtal

Die Polizeistation muss nicht erneuert werden – in Brombachtal gibt es keine. Was kein Problem ist, weil es keine Kriminalität gibt, wie Kredel versichert. Die einzigen „Brennpunkte“ seien die Bushaltestelle und der Hof der Grundschule, weil ein paar Jugendliche dort abends laut seien.

Vor zwei Jahren kamen im Zuge der Flüchtlingskrise acht junge Männer nach Brombachtal. Der Bürgermeister sagt, es seien wohl Syrer. In Wirklichkeit sind es Afghanen, zwischen 18 und 37 Jahre alt. Alle arbeiten mittlerweile oder gehen zur Schule, zwei sind wieder weggezogen, weil sie einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Meyer hält engen Kontakt zu ihnen. Pfarrer Christian Hamilton nennt die Männer „unsere afghanischen Mitbürger“. Sein Kollege Thomas Lotz erzählt, dass es alte Leute mit Vorbehalten gegenüber Flüchtlingen gebe, aber nur gegen die außerhalb von Brombachtal.

Vor Kurzem ist auch eine syrische Familie ins Dorf gezogen. Meyer hat einen großen gelben Ordner, in dem sie alle Informationen zu den Flüchtlingen abheftet. Als Mitglied des örtlichen Helferkreises ist sie zu einer Integrationsexpertin geworden. Zusammen mit sieben anderen Einwohnern hat sie eine Eins-zu-Eins-Betreuung für die Zugezogenen organisiert. Sie geben Deutsch- und Mathekurse, organisieren Fahrkarten und helfen bei Asyl-Bescheiden.

Sympathien für Al-Wazir

Meyer hat erst nach der Bundestagswahl gemerkt, dass es auch in ihrem Dorf Menschen gibt, die die AfD wählen. Im Gasthaus Zum Löwen sitzt sie neben zwei Mitgliedern der Grünen. Der Sohn des Wirts, Marius Löw, ist in der CDU, am Sonntag aber will er die Grünen wählen. Er ist sich anders als der Bürgermeister sicher, dass die Grünen viele Anhänger finden werden. Der hessische Spitzenkandidat der Partei, Tarek Al-Wazir, war vor Kurzem in der örtlichen Wagnerei zu Besuch, wo Imbisswagen per Hand gefertigt werden. Wagner Achim Brohm fand Al-Wazir wie viele im Ort „sehr sympathisch“. Der 25 Jahre alte Löw sagt: „Die Grünen legen ihr Interesse mehr in den ländlichen Raum als andere Parteien.“

Löw ist gut vernetzt im Ort. Er ist erster Vorsitzender der Kerbbuwe. Der Verein richtet die Kirchweih aus, zu der 2000 der 3500 Bromischer kommen. „Um sich die Birne durchzuleuchten“, sagt der Sohn der örtlichen Hotelierfamilie abschätzig über das Bierfest. Trotzdem geht er jedes Jahr hin. Er liebt Brombachtal, so wie die Verkäuferin im Lebensmittelladen, die Pfarrer, Löw und der Helferkreis. Trotzdem hat Löw schon darüber nachgedacht, aus Brombachtal wegzugehen.

Die meisten seiner früheren Klassenkameraden sind in die Stadt gezogen. Dort gibt es mehr als Kirchweih und vereinzelte Mallorca-Motto-Partys. Und die Infrastruktur ist besser. In Brombachtal gibt es zwar alles, was man im Alltag braucht: Apotheke, Metzger, Bäcker, Lebensmittelladen, Döner und sogar vier Ärzte, aber mit dem öffentlichen Bus kommt man nicht weit. Pfarrer Thomas Lotz sagt, als der Schulbus kurz vor seinen Füßen hält und die Kinder „Hallo, Herr Lotz“ rufen: „Viel mehr Busse als diesen werden Sie hier heute nicht sehen.“

Ein Unternehmer klagt über die kaputten Straßen in Brombachtal. Die AfD wirbt dort mit dem Slogan: „Straßen sanieren!“ Der Mann hat jahrzehntelang die CDU gewählt. Er traut sich noch nicht, es öffentlich zu sagen – aber an diesem Sonntag wird der Mann sein Kreuz bei den Grünen machen.

 

Verwandte Artikel